Vollständige Version anzeigen : Restauration der Hinterachse am T-Modell
Schooldriver
07.10.2009, 09:24
Lange habe ich es vor mir hergeschoben, mich davor gedrückt es in Angriff zunehmen, aber auch darauf gespart. Genervt hat mich der Zustand schon lange. Nun kam die Vorlsesungsfreie Zeit (auch Semesterferien genannt)und parallel dazu die Sommerferien sowie Urlaub beim arbeitenden Teil im Haus. Dies bedeutete, dass es berechtigte Hoffnung auf gutes Wetter gab ("Freiluftwerkstatt") und ich auch mal ein paar Wochen auf meine weiße Lady verzichten könnte, da sich in dieser Zeit genug fahrbarer Untersatz auf dem Hof und vor dem Haus finden würde.
Also gut, dachte ich mir, dann werden wirs mal wagen; 473.466 sind eben nicht spurlos an so einer Achse vorbeigegangen. Bebilderte Berichte zu solchen Aktionen finden sich ja einige im Netz und die WIS ist ja auch zur Stelle, so dass ich mir schonmal ein Bild davon machen konnte, was mich da ungefähr erwarten würde.
Als erstes mal ein kurzer Überblick über die durchgeführten Arbeiten:
- Fahrzeug aufbocken
- Achse im ganzen aubauen
- Rost an vorderen Achsaufnahmen beseitigen
- sämtliche Hydraulikleitungen erneuern
- Federspeicher erneuern
- Hinterachsträger sandstrahlen, flammspritzverzinken und schwarz lackieren
- sämtliche Lager und Streben an der Hinterachse erneuern (inkl. Diffefrentialaufhängung)
- Hydrauliköl und Hypoidgetriebeöl wechseln
- Feststellbremse erneuern
- Seilzüge Feststellbremse erneuern
- Regelstange der Niveauregulierung erneuern
Eigentlich sollte das ganze in weniger als 6 Wochen zu schaffen sein. Aber letzten Endes hat es doch bis Mitte September gedauert, bis die Karre wieder auf der Straße war.
Die Bilder 4 und 5 zeigen die Aufnahmen der Achse an der Karosserie nach dem Entfernen des Unterbodenschutzes. Von außen war noch nichts zu sehen (bei einigen sieht man den Gammel da ja schon gut). Also ich bezweifle, dass an der Stelle jemand absolut keinen Rost hat. Bei mir wars immerhin noch nicht durch (die letzten Jahre war die Stelle aber auch gut mit Mike Sanders Korossionsschutzfett verpackt gewesen), so dass ich nicht schweißen musste. Um die Stelle zu sanieren muss die Achse aber auf jeden Fall raus.
Schooldriver
07.10.2009, 09:27
Bild 6 zeigt die Koppelstange, die den Drehstab mit dem Niveauregler verbindet. Ich denke, es erklärt sich von selbst, dass hier nichts mehr geregelt hat.
Die Achse habe ich zum Zerlegen in die Werkstatt gebracht (Bild 7). Der Ausbau verlief fast problemlos, nur an einer Aufnahme hatte sich das gammelige Topflager verklemmt.
Auf Bild 8 sehen wir ein etwas in Mittleidenschaft gezogenes Lager, an welchem das Diff hängt.
Bilder 9 und 10 zeigen den nackten Achsträger. Erst wollte ich nur die rostigen Stellen beseitigen. Da das Teil aber voller Schmier und Siff war und auch nicht alle Stellen gut zu erreichen waren, hab ich mich doch dazu entschieden, ihn zum Strahlen zu bringen.
Schooldriver
07.10.2009, 09:33
Obwohl ich auf ein reichhaltiges Werkzeugsortiment in erstklassiger Qualität zurückgreifen kann, fehlte noch das ein oder andere, was beschafft werden musste. Zum Glück beschränkte sich das ganze auf 3 Nüsse (Bild 11)
Bild 12 zeigt alles, was vom Achsträger abmontiert wurde. Die Verschraubungen ließen sich alle gut lösen. Die Schrauben waren nur äußerlich verrostet. Sowie im Vodergrund den gammeligen Drehstab mit der Koppelstange. Auch er wurde zum Strahlen gebracht, ebenso der Halter des Niveaureglers.
Wer in das Geschäfft mit dem Abbau von Ölsanden einsteigen möchte, kann erstmal an seinem Diff anfangen, bevor er nach Kanada geht. Was sich zwischen dem Achsträger und dem Diff so angesammelt hat sehen wir auf Bild 13.
Auf Bild 14 sehen wir es dann vor uns das schwarze Gold aus der Sternenapotheke. Wie ich finde nach dem ganzen Gammel ein sehr schöner Anblick. Es wurden ausschließlich original Mercedes-Benz Teile verwendet. Wenn man das ganze schon komplett durchzieht, dann auch richtig.
Bild 15 zeigt den neuen und den nichtmehr ganz so neuen Filter für das Hydrauliköl. eine entsprechende Färbung hatte auch das Öl.
Schooldriver
07.10.2009, 09:34
Während der Arbeiten habe ich dann auch noch eine positive Überraschung entdeckt. Mein Diesel ist bereits mit einem Kat ausgerüstet (geahnt hatte ich es ja, aber mangels alter deutscher Papiere wusste ich es nie definitiv). In Frankreich interessiert sowas zum Glück niemanden...
An dieser Stelle nochmals ein großes Lob an die Firma Oberland-Mangold, die mir innerhalb kürzester Zeit die Papiere zu dem guten Stück geschickt hat. Wenn ich will, krieg ich so vielleicht so eine Schwachsinns-Plakette, mit der dan weniger Dreck hinten raus kommt.
Bild 17 zeigt eine der beiden im wahrsten Sinne des Wortes vergoldeten Leitungen (den Preis wollt ihr nicht wirklich wissen), die Federspeicher und Stoßdämpfer verbinden. Daneben die etwas knusprige Variante, oder was von ihr nach dem Ausbau übrig blieb.
Meine Geschichte mit den Achsträgern habt ihr ja vielleicht verfolgt. Das Hauptproblem war das lösen der Bundmutter, welche die Gelenkwelle im Radlager hält (im ausgebauten Zustand. Wenn die Achse noch unterm Auto ist und dieses auf der Straße steht. geht das wesentlich leichter). 18 und 19 zeigen, wie es auch im ausgebauten Zustand geht. (Der Dreck auf dem Balken stammt nicht aus meinem Radlager sondern aus dem Rohr).
Schooldriver
07.10.2009, 09:36
Die alten und die "neuen alten" Radträger (gereinigt und auf dem letzten Bild auch mit ein paar Tropfen schwarzer Farbe verschönert). Der Unterschied zwischen den Blechen ist recht deutlich.
Schooldriver
07.10.2009, 09:37
Nach einigen Wochen (der Hauptgrund, warum die Aktion so lange dauerte) waren dann auch endlich die Teile vom Strahlen, Flammspritzverzinken und Lackieren zurück und in den Achsträger die 6 neuen Lager eingepresst.
Werkzeug stand auch bereit. Es konnte also mit dem Zusammenbau begonnen werden...
Schooldriver
07.10.2009, 09:38
... Aber davor noch ein paar alt-neu-Impressionen
Schooldriver
07.10.2009, 09:40
Das Differential hat bereits wieder seinen Platz gefunden und auch unter dem Auto hat sich einiges getan.
Sämtliche Hydraulikleitungen wurden vom Motorraum bis nach hinten erneuert (eine echte Sch***arbeit). Da man es ziehmlich vergessen kann, solch eine Leitung genau zu biegen und auch die exakte Länge hinzukriegen (die Stimmt nämlich nicht) habe ich die Leitungen jeweils zweimal geteilt und somit drei Teilstücke verbaut. Verbunden wurden diese Teilstücke mit den normalen Leitungsverbindern (Bördeln der Enden), mit denen die Leitungen auch im Motorraum verbunden sind.
Der Drehstab hängt in seinen neuen Lagern unterm Auto und ist mit der neuen Koppelstange mit dem Niveauregler verbunden, an welchen neue Leitungen nach vorne und zu den neuen Federspeichern angeschlossen wurden.
Schön zu sehen auch wieder die beiden goldenen "Schmuckstücke", die Federspeicher und Stoßdämper verbinden.
Anschließend wurde der ganze Bereich über der Achse mit Fluidfilm eingespritzt und teilweise mit Sanders zugepinselt (Verschraubungen der Leitungen, die vorher so vergammelt waren, dass sich die Verbindungen nur durch das Zerstören der Leitungen lösen ließen)
Schooldriver
07.10.2009, 09:41
Nach und nach wuchs dann auch die Achse wieder zusammen. Es wurden neue Beläge und Seile für die Feststellbremse verbaut.
Anschließend kam das ganze Kunstwerk unters Auto.
Schooldriver
07.10.2009, 09:43
Und wenn das ganze dann unterm dem Auto hängt, sieht das so aus...
...was übrig bleibt ist eine Kiste Schrott (plus die gammligen Leitungen)
Schooldriver
07.10.2009, 09:43
Anschließend gehen noch ein paar Stunden ins Land, bis der Karren wieder fahrtüchtig ist. Kardanwelle, Auspuffanlage, Bremsen, Verkleidungen usw müssen angeschlossen und angebaut werden. Hydraulikanlage muss befüllt werden... davon gibts keine Bilder. Erstens ist das nicht sonderlich spannend und zweitend wurde es so langsam auch dunkel...
Sonntag Abend, auf den Tag genau 6 Wochen später, dann die erste Fahrt mit der neuen Achse. Einfach nur traumhaft. Ein nie gekanntes Fahrgefühl stellt sich ein.
Gekauft habe ich den Wagen 2004 mit 335.000 auf der Uhr. In den letzten 5 Jahren kamen 140.000 dazu und das Fahrverhalten wurde natürlich nicht besser. Im nachhinein betrachtet hätte das Fahrwerk schon 2004 erneuert werden müssen.
In letzter Zeit wurde es dann aber wirklich unangenehm. Seitenwindempfindlichkeit, ewiges Nachschwingen des Hecks bei Fahrt über Bodenwellen, starke Kurvenneigung, misserabler (nicht vorhandener) Geradeauslauf, unsicheres Fahrgefühl bei höheren Geschwindigeiten (soweit mit 250TD möglich) und nicht zu vergessen de verlorengegangene Bodenfreiheit.
Nun fährt der Wagen besser geradeaus als jemals zuvor, das Lenkrad steht weniger schief und man muss weniger gegenlenken - und das alles, obwohl die Vorderachse noch nicht gemacht wurde und auch noch keine Fahrwerksvermessung durchgeführt wurde. Weiter kann man deutlich schneller über Bodenwellen und durch Kurven fahren, ohne dass sich der Wagen aufschaukelt oder zusehr zur Seite neigt. Insgesamt fährt er sich nun komfortabel, aber trotzdem straff. Die ganze Karosserie verschränkt sich weniger, wodurch sie auch weniger Geräusche von sich gibt. Und nicht zu vergessen ist nun auch wieder schnellere Autobahnfahrt (130+) stressfrei und ruhig möglich. Dadurch, dass man weniger gegenlenken muss ist auch der Verbrauch zurückgegangen.
Insgesamt also ein voller Erfolg, wenn auch nicht umsonst (Die Preise in der Sternenapotheke sind teilweise wirklich abartig, anderes ist dafür echt günstig). Und dabei ist das ganze noch nicht zu Ende. Wenn Vorderachse und Fahrwerksvermessung und Einstellung erledigt sind, sollte sich das ganze nochmal ändern.
Vielen Dank für die Unterstützung!
Mir ist klar, dass mich einige für verrückt halten werden, in ein so altes Auto nochmal soviel Geld und Arbeit zu investieren. Aber ich steh dazu und genieße nun wieder jeden Kilometer - so muss sich also ein 124er fahren...
3litercoupé
07.10.2009, 16:51
moin...
vielen dank für die tolle doku und die geilen bilder...
stimmt deine signatur eigentlich...?? meiner hat nun 379.000 runter...
Schooldriver
07.10.2009, 21:41
Gern geschehen. Falls jemand Fragen, Anregungen, Kritik hat, immer her damit.
@Michel: Ja, stimmt. Die ersten 2000 mit der neuen Achse habe ich schon genießen dürfen (die 6 Wochen Stillstand und billige Lidl- und Tchibo-Bahntickets, sowie das Rumgeschaukel in letzter Zeit haben dazu beigetragen, dass dieses Jahr bislang nicht soviele Km zusammenkamen). Wirklich genial und beeindruckend, was die Ingenieure damals vor fast 30 Jahren schon auf die Beine gestellt haben. Zwar ziehmlich aufwendig, teuer und schwer, aber ein Komfort, der sich auch heute noch mehr als sehen lassen kann...(Die Zeiten, in denen ich vom Fahrverhalten her selbst die neuen B-Klassen dem 124er vorgezogen habe, sind ein für alle mal Geschichte)
B-EK 270
07.10.2009, 23:12
Hallo !!!
Sehr schöne Doku !!:clap2: :clap2:
Kann es sein das die Antriebswelle rechts auf Bild 12 krumm ist ??
Oder täuscht das auf dem Bild ?
Sei Dir sicher es hat sich gelohnt.
Evtl. hätte man Taxiteile benutzen können, das hätte den Preis gesenkt.
Aber ob die auch so haltbar sind ??????? Nehme selber aber auch nur Originalteile.
Kann mir jetzt ein ungefähres Bild davon machen, was irgendwann mal bei meinem S 210 auf mich zu kommt. Wenn der überhaupt solange hält :( :(
Hast Du auch gleich Federn und Dämpfer getauscht ?? Stand nicht`s von drinn.
Der Preis würde mich aber doch noch interessieren :ko1:
Nochmals vielen Dank für den wirklich umfassenden Bericht und die gemachten Fotos.:thumbsup: :thumbsup:
MfG aus Berlin
Schooldriver
13.10.2009, 19:04
Also schräg ist die Welle nicht, das hätte ich gemerkt. Vielleicht täuscht das gammelige Handbremsseil das Bild ein bisschen.
Federn und Dämpfer sind geblieben, Federspeicher wurden erneuert.
Zu den Kosten kann ich noch nichts sagen (muss erstmal die Auflistung fertig machen), nur soviel, es war ne Menge.
Jetzt gehts daran, mal zu schauen, was alles an der Vorderachse zu machen ist, damit sie auf einen vergleichbaren Stand kommt.
Gruß
Philipp
j.-tommy
14.10.2009, 11:58
ich kann mich nur den vorschreibern anschliessen...
sehr schöne doku und geile bilder...:thumbsup:
und sei dir über eines sicher...mich eingeschlossen, wirst du HIER wohl niemanden finden, der dich für verrückt hält...:D
wir haben doch alle irgendwie die gleiche "krankheit"...nur die ausprägung ist zuweilen verschieden...;)
ps.: ich fand auch deine art, den wagen aufzubocken sehr geil...man muss sich eben nur zu helfen wissen...:)
ichwillmalgucken
18.03.2011, 12:13
Nach und nach wuchs dann auch die Achse wieder zusammen. Es wurden neue Beläge und Seile für die Feststellbremse verbaut.
Anschließend kam das ganze Kunstwerk unters Auto.
Respekt:thumbsup:
Saubere Restauration.
Das steht mir auch bevor, da ich beim Kauf nicht aufgepasst habe:confused:
Noch läuft die Achse aber ruhig und gerade...wenn der Rost nicht währe:eek:
Benzmarc
21.03.2011, 00:35
Danke für die Doku und die Fotos.
Jetzt habe ich mal eine Sichtweise auf den Patienten, der da auch mal auf mich zukommen wird. Das hat es mir überschaubar gemacht.
Danke nochmal für die Mühe der Doku :thumbsup:
krzysztof_BS
23.03.2011, 17:47
Hallo,
RESPECT :thumbsup:
Tolle Leistung, echt Klasse.
Eine Frage haette ich (vielleicht habe ich den Beitrag nicht genau durchgelesen): was hat der ganze Spass gekostet? Wie wuerde es preislich bei Limo aussehen? Da entfallen zumindestens paar Teile, die mit Nivo zu tun haben.
Bei meinem Limo gibt es auch schon Rost an der Aufnahme den Achsentraeger :confused: Schweissarbeiten sind schon eingeplant.
Gruss
christof
Respekt - saubere Arbeit !!!
Ich mach gerade das gleiche durch - wird hoffentlich ähnlich gut.
Grüße
Andreas
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